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Gastbeitrag von WOLFGANG KSOLL (@woksoll)

Mit dem Programm Horizon 2020 setzt die Europäische Union starke Impulse zur Modernisierung Europas, die oft über nationale Anstrengungen hinausgehen. So hat die EU ein Open Data Portal bauen lassen. Mit der INSPIRE-Richtlinie wurden Geodaten verfügbar gemacht. Mit dem Projekt NextGEOSS verfolgt die EU nun die Strategie, dass Erdbeobachtungsdaten, für deren Erhebung die europäischen Steuerzahler Satelliten und Messungen auf der Erde bezahlt haben, nun als Open Data für Bürger, Wirtschaft und öffentliche Verwaltungen neuen Nutzen entfalten sollen.

Projekt NextGEOSS

27 Konsorten aus Wirtschaft und Wissenschaft haben Ende 2016 den Zuschlag bekommen, im Auftrage der EU mit einem Budget von 10 Millionen Euro einen Data Hub zu bauen, der auf der einen Seite Datenquellen „harvestet“ (also sich die Metadaten und die Links der Rohdatensätze – Ressourcen – speichert und über mehrere Schnittstellen – Web, OpenSearch und weitere APIs – verfügbar macht. Auf der anderen Seite werden Tools und andere Hilfestellungen bereitgestellt, um die Erschließung und Nutzung zu fördern und erfolgreich zu machen. In 10 Pilotprojekten werden technische und kommerzielle Lösungen ausprobiert. Sei es im Ackerbau, bei der Luftverschmutzung, der Wasserverschmutzung, der erneuerbaren Energien, in Smart Cities usw. Aber auch Versteppungen/Verwüstungen oder kalte Gebiete an den Polen sollen untersucht werden können. Der Umfang des Gesamtvorhabens ist aus einer online verfügbaren Broschüre zu erfahren.

Die folgende Abbildung zeigt schematisch den Datenfluss von links nach rechts, von den Datenquellen zu den Endnutzern der Daten.

Abbildung: Datenfluss von den Quellen zu den Anwendungen

In der Mitte ist der CKAN Data Hub zu erkennen. Es wird also auch Open Source Software eingesetzt, um Open Data zu verbreiten. Weiter rechts sind Piloten verzeichnet, die auch Tools bereitstellen können, z.B. um in einer Cloud rechenintensive Operationen auf großen Datenmengen durchführen zu können. 10 weitere Piloten sind fachlichen Zielen wie Ackerbau, Smart Cities oder Biodiversität gewidmet. Doch ist bei Technik und Geowissenschaft noch nicht Ende, sondern es wird untersucht, in welchen Ökosystemen die Optionen möglichst großen Nutzen entfalten können. Was sind die richtigen Business Cases? Können kommerzielle Partner den Nutzen verstärken? Sind die Maßnahmen geeignet, die SDGs (Sustainable Development Goals) der UN zu erreichen? Erst wenn man weiß, wie man Nutzen erzeugt, wird die Anwendung von Technik und großen Datenmengen sinnvoll.

Kommunikation

Von Beginn an wird das Projekt auch durch eine offene Kommunikation begleitet. Zum Beispiel:

  • Im Oktober nahm man an einer Konferenz der weltweiten GEO-Community in Washington, D.C., eine Woche lang teil
  • Vorträge werden in vielen europäischen Ländern, sowohl bei industriellen Partner wie Airbus in Toulouse, Frankreich, als auch bei zivilgesellschaftlichen Barcamps wie im November 2017 in Wuppertal, wo sich der Verein Offene Kommunen NRW traf.
    Beispiele für Vorträge: Schwerpunkt Smart City Schwerpunkt Projektmanagement
  • Webinare und Filme auf YouTube
    Einmal monatlich werden Webinare zum aktuellen Projektstand live gegeben und die Aufzeichnungen auf YouTube in einen eigenen Kanal gestellt.
    Dort sind auch weitere Filme z.B. vom GEO Kongress aus Washington D.C. zu finden
  • Social Media Facebook und Twitter
    Auf Facebook https://www.facebook.com/Nextgeoss/ und Twitter @nextgeoss ist das Projekt ebenfalls vertreten.

Bewertung

Mit dem Projekt NextGEOSS gibt die EU einen starken Impuls für die Open-Data-Bewegung. Daten aus der Erdbeobachtung sollen als Open Data frei verfügbar sein für die Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und den Staat. Großer Wert wird neben Open-Source-Technik und Wissenschaft (s.a. Open Access) darauf gelegt, dass Nutzen generiert wird. Sei es zivilgesellschaftlich, staatlich oder kommerziell. Mir ist kein deutsches Open-Data-Projekt von dieser Größe bekannt (gemessen an Budget, Anzahl Organisationen Laufzeit).

Schon häufiger hat die EU mit ihren gesamteuropäischen Anstrengungen nationale Sonderlösungen obsolet gemacht:

  • Mit der INSPIRE Richtlinie wurden nationale Bemühungen unsinnig, die mit (Vermessungs-)Geodaten, deren Erstellung der Bürger bezahlt hatte, den Bürger ein zweites Mal finanziell zu belasten. Wie es Micus-Studien 2001 und 2003 kurz nach dem Ausklingen der ersten New Economy-Welle vorschlugen, was jedoch in NRW, Schleswig-Holstein/Hamburg und Berlin/Brandenburg nicht funktionierte. Geodaten sind heute auch national frei verfügbar.
  • Nachdem die Bundesrepublik sich Anfang der 2000er Jahre hartnäckig weigerte, eIDs europäisch zu standardisieren und mit qualifizierten Signaturen, eIDs im neuen Personalausweis und DE-Mail proprietäre, nur national verwendbare Sonderlösungen schuf, zwang die EU mit EIDAS nun alle Mitgliedsländer alle notifizierten Standards aller Länder anerkennen zu müssen. Das führt in Deutschland zu einer unnötigen Mehrausgabe von 500 Mio. € nach dem Onlinezugangsgesetz für ein zentrales ID-Portal, damit nicht alle 12.000 Kommunen in jeweils allen 500 Verfahren sämtliche eID-Verfahren aller EU-Mitgliedsländer implementieren und warten müssen. Wobei dann nur die eID reguliert wird, die Fachverfahren jedoch mit noch zu erarbeitenden Standards mit dem zentralen Portal verbunden werden müssen. Bemerkenswert dabei ist, dass der milliardenschwere Aufwand für die deutschen Sonderlösungen bei der ID in anderen Ländern nicht anfällt. In den USA und UK reichen User und Passwort (statt fehlerbehafteter Hardware – siehe Probleme in Estland), was nicht jeden Bürger als mutmaßlichen Kriminellen behandelt, vor dem man sich technisch schützen muss. Dafür sind die USA und UK aber im E-Government wesentlich weiter vorangeschritten als Deutschland.
  • In Deutschland hat der Bund die EU-Dienstleistungsrichtlinie aktiv sabotiert und boykottiert, indem er in §3a VwVfG von ausländischen EU-Bürgern eine qualifizierte Signatur verlangte, obwohl der Artikel 8 der EU-DLR fordert, dass man einfach und online aus der Ferne sein Gewerbe anmelden können muss. In der Ferne aber gibt es keine deutsche Signatur.
  • Die EU-Invoicerichtlinie wird hintertrieben, indem in Deutschland zwei nationale Standards entwickelt werden, die europäisch nicht kompatibel sind (XRechnung und ZUGFeRD). Schon für Österreich braucht man andere technische Standards bei derselben EU-Invoicerichtlinie.
  • Das Beispiel hier im Geodatenbereich zeigt aber, dass mit den Aktivitäten der EU das Schrittmaß wesentlich höher ist und selbst eine globale Harmonisierung mit GEOSS für Asien, Afrika, Amerika wesentlich leichter ist als die Integration deutscher Sonderwege, wo sich dann der Vorsitzende des Normenkontrollrates öffentlich fragt: „Wie können wir 15 Jahre lang nicht mitkriegen, was um uns herum geschieht?“
  • Wäre es folglich nicht besser, man würde zunächst nach europäischen Standards schauen und diese mit Nutzen und nicht nur technisch implementiert, bevor man nationale Inkompatibilitäten wie z.B. in DCAT-AP.DE „Regierungspräsidien“ standardisiert, womit man sich vom Rest Europas abtrennt?
  • Die EU holt im Open-Data-Bereich nun Dinge auf, die durch den unreflektierten Einsatz von Herstellern, die ihre Hardware verkaufen wollten, aber die Daten nicht den Bürgern zur Verfügung stellen wollten, geschaffen wurden. So hat die Stadt Barcelona ihre Smart City Policy umgestellt von „supply driven“ auf „demand driven“: Was braucht der Bürger? Was nützt dem Bürger? Statt: Was haben die Hersteller zu verkaufen. Auch Wien hat mit Bürgerbeteiligungsformaten einen nachfrageorientierten Ansatz implementiert.

Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass es nachhaltiger ist, EU-weite Ansätze zu verfolgen als nationalstaatliche Sonderwege einzuschlagen. So wird auch dieser Impuls der EU im Geodatenbereich für Open Data nachhaltige Wirkung entfalten.

Am Rande: es wird in dem Projekt überwiegend Englisch gesprochen. Mir macht das sehr viel Spaß, mich so mit meinen Kolleginnen und Kollegen in England, Spanien, Portugal, Italien, Mazedonien, Norwegen, Deutschland oder USA austauschen zu können. Die offene Gesellschaft, wenn man sich bei den Standards ein wenig Mühe gibt. – Also: „Arsch huh , Zäng ussenander!“ (BAP).

Zum Autor: Wolfgang Ksoll, Jahrgang 1956, ist von Geburt Bergmann, hat als System-Ingenieur, Projektmanager und Berater bei großen Unternehmen und selbstständig gearbeitet. Für die Viderum GmbH, eine Tochter der Open Knowledge International, arbeitet er als Projektmanager. Zu Open Data bloggt er seit 2011. – Twitter: @woksoll, Blog: http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/.